Ich starte nachmittags aus dem Kevo Strict Nature Nationalpark und mache erst noch einmal Halt auf einem kleinen Campingplatz mitten im Nirgendwo. Eigentlich will ich heute wieder wild campen, aber zum einen sind meine Wasservorräte leer und zum anderen loben alle das unglaublich leckere Essen des französischen Kochs im angeschlossenen kleinen Restaurant. Und auch, wenn es mir ein bisschen in der Seele weh tut, möchte ich einmal (jetzt ganz stark sein!) Rentiergeschnetzeltes probieren… Das ist halt ein Nationalgericht (mit Kartoffelbrei und Preiselbeeren) und auch wenn ich diese Tiere unglaublich putzig finde, einmal probieren muss ich das jetzt.

Es schmeckt wirklich gut, das Fleisch ist sehr zart und Kartoffelbrei und Preiselbeeren passen hervorragend dazu. Ich unterhalte mich noch mit dem Koch, der zeitgleich auch gemeinsam mit seiner polnischen Frau Campingplatzbesitzer ist und erfahre, das heute Abend in Inari das berühmte „Ijahis Idja“ Festival (das bedeutet so viel wie „Nachtlose Nacht“) stattfindet. Das Festival, das die Musik der Samen in den Mittelpunkt stellt, ist berühmt, Tickets sind längst ausverkauft (ich habe kurz nachgeschaut).
Trinkwasser bekomme ich natürlich auch, gratis versteht sich und dann geht es weiter, mein Ziel: eine kleine Straße, die etwas nördlich von Inari von der E75 abzweigt und dann 130 Kilometer bis zur norwegischen Grenze nach Neiden führt.

Zuvor fahre ich aber nochmal kurz tanken und als ich daher in Inari stoppe, bietet sich mir ein besonderes Bild: Jung und Alt strömen in – eher überschaubaren, wir sind ja noch in Finnland – Massen auf das Musikfestivalgelände zu, manche tragen ganz normale sommerlich schicke Kleidung, manche die traditionelle Kleidung der Samen. Die Samen-Trachten sehen wunderschön aus und es ist so toll und auch irgendwie berührend, beide Outfits ganz gleichberechtigt nebeneinander zu sehen und zwar auch noch bei ganz jungen Leuten.
Weil es schon recht spät ist, „düse“ ich dann zügig in Richtung kleine Straße nach Norden und suche mir erstmal einen Rastplatz. Das ist anfangs wirklich nicht so einfach. Obwohl die Straße nicht besonders viel befahren ist, möchte ich einen Rastplatz ein kleines Stück ab vom Schuss haben und biege immer mal wieder in kleine, enge Waldwege ein. Ein bisschen rutscht mir das Herz bei jeden Meter in die Hose, wenn Emma über Stock und Stein holpert. Hoffentlich geht das gut … Einmal steht schon ein riesiges Wohnmobil da, einmal kommt doch am Ende des Weges ein Haus (und im Vorgarten von jemandem mag ich nicht parken 😉 ), aber zum Schluss stehe ich auf einem so verlassenen Waldweg, da sollte ich niemandem im Weg sein. Ha! Und dann steigt eine Party … und ich bin die Hauptattraktion … denn hier gibt es so viele Mücken wie auf meiner ganzen Reise zusammen noch nicht… Ich verstehe jetzt genau, was so viele Leute mir erzählt oder in Campingplatzrezensionen geschrieben haben … es ist wirklich nicht schön, wenn diese kleinen Biester sich alle auf einen drauf stürzen. Bis jetzt hatte ich wohl einfach riesiges Glück und irgendwie angenommen, dass die Mückenhochsaison Mitte August schon durch ist. Das ist sie sogar vermutlich auch, aber alle Überlebenden scheinen sich genau hier versammelt zu haben, um mich zu piesacken 😉 Selten habe ich Emma so zügig umgebaut und bin reingekrochen, Türen zu und dann zehn Minuten Jagd auf alle Mücken gemacht, die es nach drinnen geschafft haben.
Am nächsten Morgen beginnt das selbe Spiel von vorne (warum bin ich davon ausgegangen, dass es morgens besser wäre?), in 30 Minuten bin ich fertig, habe einen Kaffee im Gehen getrunken (anders ging das nicht) und ruckle mit Emma wieder zurück zur Straße… na, das war vielleicht was.
Nur kurze Zeit später finde ich dafür ein richtig schönes Fleckchen, einen Parkplatz mit Zugang zum Inari-See, perfekt zum Frühstücken in der Sonne. Ich lasse mir mein Müsli schmecken und vorallem genieße ich es, keinerlei Summ-Geräusche zu hören und wild um mich schlagen zu müssen. Obwohl der Parkplatz gut besetzt ist, sind wohl alle mit ihren Booten draußen, denn hier ist ansonsten keine Menschenseele.

Als die ersten Boote zurückkommen, habe ich mich von meinem nächtlichen Abenteuer mit den Mücken erholt und fahre weiter – und was jetzt kommt, ist ein absoluter Traum. Links und rechts der kleinen, nur sehr spärlich befahrenen Straße, liegen unzählige Seen zwischen den Bäumen. Ganz kleine, mittelkleine und etwas größere. Ganz still liegen sie da im herrlichsten Sonnenlicht. Immer mal wieder gibt es kleine Einfahrten, manchmal privat, manchmal auch nicht.

Ich mache noch eine Kaffeepause (ich werde hier noch zur Kaffeetrinkerin 😉 ) und – wieder nur kurze Zeit später – beschließe an einer besonders schönen Stelle, das es eigentlich auch schon fast Zeit für eine Mittagspause ist 🙂 Besonders weit bin ich heute noch nicht gekommen, aber das muss ja eigentlich auch gar nicht sein. Der Weg ist schließlich das Ziel.

An diesem eher größeren See kann ich Emma bequem parken, schnappe mir mein Kochequipment und baue es direkt am See auf, sitze fröhlich auf meinem Campingstuhl und gucke aufs Wasser, während neben mir die Nudeln munter vor sich hinkochen und später die Tomatensauce. Ich habe noch etwas Zwiebel, Brokkoli, sogar ein Glas Oliven und ein Stück Käse in den Tiefen meines Kühlschranks gefunden, es wird also ein wahres Festmahl 🙂 Und dieser herrliche Blick.

Später bummle ich noch ein wenig umher und entdecke sogar, nur einen schmalen Trampelpfad weiter, einen kleinen Strand… das Wasser ist richtig angenehm und als ich dann im finnischen See so vor mich hinschwimme, gefühlt ganz alleine auf der Welt, kann ich mein Glück gar nicht so richtig fassen. Vor ein paar Tagen war mir beim Gedanken an ganz-alleine-durch-Lappland-fahren noch ein bisschen mulmig zumute und jetzt dümpel ich so mitten in einem finnischen See im Nirgendwo vor mich hin, die Sonne im Gesicht. Es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Ich könnte für immer hier bleiben, denke ich. Fernab des Trubels. Mitten im Wald an „meinem“ kleinen schönen See.
Es ist mittlerweile Nachmittags, immer noch nix los hier, ich liege auf der Decke am Strand und lese und werfe dann doch mal einen Blick in Reiseführer, Landkarte und Wetterapp. Besonders weit ist es nicht mehr zum Nordkapp, vielleicht ab hier noch zwei bis drei Tage. Wie nah sich das plötzlich anfühlt. Mein kleiner blauer Standortpunkt auf Google Maps ist aber auch schon wirklich sehr weit in den Norden gewandert. Die Wetterapp sagt für die nächsten Tage überwiegend gutes Wetter voraus, danach aber wird es recht eintönig bei den Symbolen … Regen, Regen, Regen … hmm … Nun sollte man sich ja nicht von ein paar miesen Wettervorhersagen aus der Ruhe bringen lassen, aber hier scheint sich doch eher die Großwetterlage deutlich zu verschlechtern und wenn ich ehrlich bin: das Nordkap würde ich schon am allerliebsten bei schönem Wetter (oder zumindest nicht bei Weltuntergangswetter) sehen. Und weil man manchmal ja auch spontan sein muss, packe ich dann doch wieder meine Sachen und Emma und ich machen uns – ein bisschen früher als gedacht – auf den Weg … erstmal an die norwegische Grenze und dann Richtung Westen.
Zum Glück ist die wunderschöne Straße noch nicht zu Ende, die Landschaft verändert sich sogar, wird ein bisschen „steiniger“, verwunschene Wanderwege sind ausgeschildert, einem folge ich sogar noch für eine halbe Stunde und mache nur sehr widerwillig kehrt … aber das Nordkap ruft 😉


Ich hätte nie gedacht, dass man eine Landesgrenze so deutlich wahrnehmen kann. Aber bin ich eben noch durch tiefe Wälder mit ach so malerischen Seen gefahren, wird die Landschaft mit einem Male karger, wilder und mit dem ersten Blick auf einen norwegischen Fjord schroff-majestätischer. Zum ersten Mal hab ich wirklich das Gefühl, das sich jemand hier die Landschaft angeguckt und bei der ersten Änderung einen Grenzstein aufgestellt hat. Keine fließende Grenze hier, sondern eine sehr klare. Meine Uhr springt wieder eine Stunde zurück (in Finnland war ich tatsächlich in einer anderen Zeitzone), der Euro ist wieder passé – ich bin in Norwegen.
Ich beschließe einen „kleinen Abstecher“ nach Kirkenes zu machen, wobei „klein“ hier 50 Kilometer in eine Richtung meint. Der Reiseführer hat zwar in (freundlichen) Worten gemahnt, nicht allzu viel zu erwarten, aber eben auch solche Sachen wie „Endstation der Hurtigruten“, „nur noch acht Kilometer von der russischen Grenze entfernt“ und „Kirkenes ist östlicher als der östlichste Punkt Finnlands und liegt genauso östlich wie Kairo“ gesagt. Und warum auch immer, haben mich diese Punkte genügend gereizt, um nach Kirkenes in die (in Bezug aufs Nordkap) falsche Richtung abzubiegen.
Nun ja … ich war jetzt schon mal genauso östlich wie ich es wäre, wäre ich nach Kairo geflogen 😉 Viel mehr hat Kirkenes nicht zu bieten, finde ich zumindest. Alle Straßennamen sind zweisprachig, norwegisch und kyrillisch, das ist schon mal spannend und am Fähranleger in Kirkenes stehen schon die Wohnmobile, die auf die morgige Abfahrt mit dem Hurtigrutenschiff warten. Mehr is nich 😉
Der Zwischenstop in Kirkenes ist also nur von kurzer Dauer, recht wenig eindrucksvoll, aber es hat mich ja keiner gezwungen, ich wollte ja 😉 Also wieder auf die E6, eine Straße, die mich jetzt fast bis zum Nordkap begleiten wird und in entgegengesetzter Richtung „zurück“ nach Westen. Im Gegensatz zu meiner Lieblingsstraße in Finnland ist die E6 auch schon wieder richtig gut befahren … wir fahren Kolonne!!! Wobei das hier heißt: zwei Autos vor mir, ich und dann noch ein Auto dahinter. Aber im Vergleich zu einer Straße, bei der man seelenruhig mitten auf der Straße anhalten konnte, auf den abzweigenden Waldweg, dann auf die Karte, (kurz in den Rückspiegel, immer noch alles frei), dann wieder auf den Waldweg, dann evtl. noch ein paar Meter rückswärts fahren und dann abbiegen konnte auf eben jenen nach reichlicher Überlegung für gut befundenen Waldweg; ohne das man irgendjemandem im Wege gewesen wäre, sind vier Autos hintereinander wirklich eine ganze Menge!

Am ersten richtigen Fjord an der Strecke biegt eine kleine Straße von der E6 ab, der ich folge und tatsächlich einen sehr idyllischen Platz mit Blick aufs Wasser zwischen zwei Hügeln finde. Und weil die Hügel mir grade die Sicht auf die untergehende Sonne versperren, mache ich mir schnell ein paar belegte Brote, schnappe mir meinen Campingstuhl (ja das muss sein) und wandere ein Stückchen einen Berg hinauf. Oben angekommen, sitze ich dann gemütlich auf meinem Campingstuhl und genieße das Naturspektakel.


Nur der Rückweg gestaltet sich als ein bisschen kompliziert, weil ich zwar Emma sehe, aber lange keinen wirklich geeigneten Weg finde, in dem ich samt Rucksack und Campingstuhl wieder unbeschadet nach unten komme … aber irgendwann hab ichs dann doch und einer sehr gemütlichen Nacht – der allerersten mit Fjordblick – steht nichts mehr im Wege.
Noch knapp 500 Kilometer trennen mich vom Nordkap. Für einen Tag ist mir das ein bisschen zu viel, zumal ich ja gerne auch noch was sehen möchte von der Landschaft. Das Wetter ist wechselhaft angesagt, aber noch scheint die Sonne und ich beschließe, erstmal eine Strecke zu fahren, einen viel empfohlenen Wanderweg zu laufen und dann heute Abend noch bis nach Olderfjord zu fahren, von dort sind es dann nur noch 140 Kilometer. Weil ich mich ein bisschen fürchte vor den „Massen“, die sich auf den Weg ans Nordkap gemacht haben, habe ich mir sogar ein Hotel gebucht. Eine richtige Dusche nach fünf Tagen Wildcampen erscheint mir genau richtig, bevor es ans Nordkap geht 🙂
Der Wanderweg, den ich mir ausgesucht habe, ist gar nicht ohne, führt aber dafür immer an einem Fjord entlang mit herrlichen Aussichten. Nach zwei Stunden bin ich am Ziel, einem Strand voller glatt polierter Steine. Man möge bitte nicht so viele als Andenken mit nach Hause nehmen, stand zu Beginn an einer Info-Tafel 😉 . Ich glaube, die Sorge ist unbegründet, nicht mal alle (deutschen) Touristen dieser Welt würden es schaffen, den Strand leer zu räumen 😉 .



Auf dem Rückweg entscheide ich mich für einen leicht anderen Weg, zumindest zweigt hier noch eine zweite blaue Markierung ab. Warum sich alle anderen Wanderer für den gleichen Rückweg entscheiden und nicht auch für diese schöne Rundwanderung machen, ist mir anfangs nicht so richtig klar … das „Geheimnis“ lüftet sich zwei Stunden später, als vom Parkplatz immer noch nichts zu sehen ist. Dafür sehe ich aus der Ferne die E6… Das hier war gar kein Rundweg, das waren einfach zwei verschiedene Wege mit unterschiedlichen Startpunkten. Hmm… eher ungünstig. Meine Wanderapp hilft mir hier auch nicht weiter, anscheinend ist Nord-Norwegen da noch nicht so richtig erschlossen 🙂

Weil es so aussieht, als ob lediglich zwei Hügel zwischen mir und Emma liegen, beschließe ich einfach, querfeldein zu laufen. Eigentlich sollten mich ja vergangene Erfahrungen gelehrt haben, das meine „Querfeldein-Abenteuer“ meist irgendwie im Matsch oder ähnlich angenehmen enden, aber manchmal wird man aus Schaden ja doch nicht klüger. Mein Plan geht wirklich auf, zumindest auf dem ersten Dreiviertel der Strecke … aber dann: der letzte Hügel fällt zum Parkplatz (ich sehe Emma schon!) nicht wirklich hügelig, sondern eher bergig ab, fallen ginge, laufen eher nicht 😉 Und natürlich beginnt es in genau diesem Moment auch noch zu regnen (pünktlich, die Wetterapp sagte 15 Uhr und es ist: fünf Minuten vor 15 Uhr, kann man sich nicht beschweren 😉 ). Ein bisschen weiter rechts ist es noch nicht so bergig und irgendwie gelingt es mir tatsächlich, durch ein bisschen Gebüsch und Geäst das meiste vom Berg zu umgehen und trotzdem langsam und recht mühevoll an Höhe zu verlieren. Jetzt fehlt mir nur noch der Wanderweg, der eigentlich nicht mehr weit sein kann …
Zum ersten Mal freue ich mich über ein Zeichen von Zivilisation in Form eines Taschentuchs zwischen den Birken, weil ich weiß, weit kann es nicht mehr sein zum Weg. Ansonsten frage ich mich ja andauernd, warum gerade Wanderer, die ja die Natur mindestens mal sehr gerne haben müssten, eigentlich andauernd ihren Müll im Grünen liegen lassen müssen … Ich finde meinen Weg zum Wanderpfad und damit auch zu Emma. Endlich kann ich dem immer stärker werdenden Regen entfliehen. Nächstes Ziel: Olderfjord.

Die letzte halbe Stunde ist wirklich kein Zuckerschlecken, die Welt geht gerade unter. Der Regen prasselt so lärmend aufs Auto, das es wirklich anstrengend ist. Ein kurzer Blick in die Wetterapp – ja wirklich, morgen soll es Sonnenschein pur geben, aktuell ist das unvorstellbar. Bin ich froh, das ich eine Unterkunft für heute gebucht habe! Das Zimmer entpuppt sich als recht klein, aber gut, eigentlich will ich nur einen Film gucken und schlafen, da wäre ein großes Zimmer auch nicht hilfreicher. Und morgen, morgen werde ich ans Nordkap fahren 🙂