Vor sechs oder sieben Wochen, als mich jemand anschrieb und fragte, ob ich gerne im August nach Südengland kommen und dort auf einer Farm arbeiten möchte, hab ich ziemlich schnell zugesagt – genau so was wollte ich ja gerne in meiner „Auszeit“ machen, auch reisen, aber eben auch mal was Neues ausprobieren. (Und ich hatte mich vorher natürlich auf einer Website, die so etwas vermittelt, angemeldet, das kam jetzt nicht völlig überraschend 🙂 ) Und sechs Wochen Zeit für Schottland, das klang so unfassbar lange… aber – das wird hier niemanden überraschen – auch die gehen ganz schön schnell rum und obwohl ich mehr Zeit als die meisten Schottlandreisenden hatte, hab ich ja trotzdem noch nicht „alles“ gesehen. Nun ja, vielleicht abgesehen vom schottischen Regen, ich würde sagen, da hab ich jetzt alles gehabt, was man so haben kann 😉
Nun sind die sechs Wochen also rum und in fünf Tagen soll ich in Torquay, Devon sein (spricht man übrigens wie „Tor-ki“ aus…). Das ist an der Südwestküste Englands, gleich ums Eck ist Cornwall. Keine schlechte Ecke also. Und so mache ich mich langsam mal von der nordwestlich gelegenen Ecke Schottlands auf den Weg. Es sind ziemlich genau noch 1000 km. Los gehts!
Als Erstes lande ich noch einmal in einem Schloss … und das wirklich eher unfreiwillig. Aber wenn man morgens merkt, dass die Zahnpastatube gestern abend leer war und anders als gedacht, auch keine mehr auf Vorrat im Auto ist (zumindest nicht da, wo sich sonst die Vorräte stapeln 😉 ), dann braucht man halt eine neue… und wenn man dann googelt und der nächstgelegene Supermarkt 20 Minuten entfernt ist und es dafür dann aber die Auswahl zwischen einem ganz gewöhnlichen und einem kleinen süßen Biosupermarkt gibt, man sich für letzteren entscheidet und das Navi dann einen klitzekleinen Fehler macht und man eine Straße zu früh abbiegt und plötzlich geradewegs auf der Allee landet, die einem zu „Blair Castle“ bringt, dann könnte man natürlich auch umdrehen … oder halt einfach weiterfahren und „sich in sein Schicksal fügen“ 😉

Und Blair Castle ist halt auch wirklich wieder sehr, sehr schön. Es gibt unglaublich viel zu sehen und anschließend noch einen riesigen Park zu bewundern… und anscheinend haben die Schotten auch ein ähnliches Faible für „Fairy Tales“, also Märchen und besonders Feen wie die Iren … es gibt einen kleinen Weg durch den Wald, auf dem hin und wieder kleine Feentüren an meterhohen Bäumen befestigt wurden… (und zwar auf Erwachsenenaugenhöhe 😉 )

Und ja, Zahnpasta hab ich dann auch noch im Biomarkt gefunden und gekauft 😉
Weiter gehts. Warum auch immer hatte ich auf dem Weg in Richtung Norden den bekannten Loch Lomond „ausgespart“. Irgendwie hatte ich zwei, drei Bilder gesehen und fand die gar nicht so schön – waren wohl aber einfach nur die falschen Bilder und deshalb hole ich das jetzt ein bisschen nach und verbringe meinen letzten Abend hier in Schottland auf einem Campingplatz direkt an diesem See – und zwar wirklich mit einem Stellplatz direkt am Wasser – ein Traum!

Ich komme zwar erst nachmittags an, will aber trotzdem noch eine kleine Wanderung machen und laufe vom Campingplatz gemütlich zum nahegelegenen Städtchen Balmaha und von da aus bis fast auf einen kleinen Berg „Conic Hill“ – aber die Sicht ist auch schon nach zwei Dritteln recht überwältigend und es ist schon abends um sieben, daher drehe ich wieder um, mache noch einen Abstecher in den Dorfladen und sitze wenig später direkt am Wasser noch einen Kilometer vom Campingplatz entfernt und genieße ein kleines schottisches Abschiedsbier 😉 Herrlich.


Ganz besonders herrlich wird es, als ich wenig später langsam und ein ganz klein wenig beschwipst (so auf leeren Magen halt) Richtung Campingplatz gehe und doch tatsächlich hundert Meter davor ein Schild sehe, das ich bisher so noch nie in Schottland gesehen habe: Alkohol trinken in der Öffentlichkeit ist anscheinend in dieser Region in Schottland verboten… Na prima…
Hier dann noch mein letztes schottisches Campingabendessen: ganz landestypisch halt; Fladenbrot, Hummus, Oliven (hat mich irgendwie alles so angelacht heute morgen im süßen kleinen Biosupermarkt) und Gin Tonic aus der Dose 😉 Und ich war mir sicher, das ich diesen Dosen – Gin Tonic einmal und nie wieder trinken würde, aber ehrlich gesagt war das erstaunlich lecker… nun ja, gut, das ich nur eine Dose hatte 😉

Für meinen Rückweg habe ich mir noch zwei „Highlights“ rausgepickt an der schottisch/ englischen Grenze: Gretna Green, die Hochzeitsschmiede, in der früher Paare ohne elterliche Genehmigung heimlich geheiratet haben und ein Teil der „Hadrians Wall“, der ehemaligen Grenze des römischen Reichs; einer Steinmauer, die sich mehr oder weniger von der West- zur Ostküste zieht und von der noch viele Mauerreste übrig sind.
Also, ich sage das vorsichtig mal so: Willkommen zurück in der Zivilisation und der Welt der Reisegruppen 😉 Gretna Green ist irgendwie ein riesiger Parkplatz, ein kantinenähnliches Cafe und gleich mal zwei schottische Souvenirläden, alles im Stil der ehemaligen Schmiede, in der nun ein kleines Museum untergebracht ist und wohl noch zwei oder drei Räume, in denen man immer noch heiraten kann. Ich glaube, soviele Menschen habe ich die letzten vier Wochen zusammen gesehen 😉 Ich fühle mich auch ziemlich „waldschratmäßig“ trotz Jeans anstatt Wanderhosen 🙂 Am Nachbartisch in der Kantine frischt eine ältere Dame erstmal ihr Makeup auf, randvolle Einkaufstauschen werden aus dem Souvenirladen getragen, der Dudelsackspieler draußen kommt weniger zum Spielen, weil er erstmal für jede Menge Fotos posieren muss. Auf dem Hinweg wäre das vielleicht ein interessanter Einstieg in Schottland gewesen, auf dem Rückweg ist es doch eher ein Kulturschock 😉
Etwas besser ist es am „Hadrians Wall“, wobei die Eintrittspreise an der Stelle, wo ich parke, recht gigantisch sind für ein paar Steinreste auf dem Boden, die man sich 50 Meter weiter ganz umsonst anschauen kann…

Nun ja, so richtig überzeugt bin ich nicht, sehe dann aber noch ein Schild, das für die halb verfallene Kathedrale von Lanercost wirbt und fühle mich dort wieder deutlich wohler – weniger Menschen, eine wunderschöne alte Kathedrale, die zur Hälfte noch komplett steht und genutzt wird und zur anderen Hälfte halb verfallen ist. In einer Kirche ohne Dach zu stehen, ist ein ziemlich beeindruckendes Gefühl.


Bald darauf habe ich englischen Boden erreicht und muss doch sagen, am allerliebsten würde ich einfach wieder umdrehen und wieder nordwärts fahren. Aber gut, zumindest wartet für die nächsten zwei Tage noch die wunderschöne Gegend des Lake District auf mich 🙂