Wieder stehe ich bei einem Reifenhändler, dieses Mal in Schwedens nördlichster Stadt, Kiruna. Über ein bisschen mehr Hilfsbereitsschaft würde ich mich gerade schon freuen, der Mensch hinterm Tresen wirkt jetzt eher so mittel-kundenfreundlich … Ganzjahresreifen in Emmas Größe scheinen auch hier schwierig zu sein, erst möchte er mir (als Ganzjahresreifen) einen Winterreifen verkaufen, der für schwedisch/ finnische Winter bei -30 Grad vermutlich gut, für deutsche Winter aber überhaupt nicht geeignet wäre… irgendwann guckt er dann doch mal im Festland-Europäischen Sortiment nach und findet noch einen Winterreifen, der zwar auch kein Ganzjahresreifen ist, aber wenigstens ein „milder“ Winterreifen. Lieferzeit circa eine Woche. Puh, das schaff ich … Aber ich gebe zu, beim Thema Auto vermisse ich schon ein bisschen die deutschen Werkstätten, wo man sich irgendwie noch über Kunden zu freuen scheint 😉
Zwar sollte ich wohl keine riesigen Strecken mehr mit Emma fahren, aber ein bisschen was geht schon noch, ich steuere für die Nacht einen kleinen Wanderparkplatz an, den mir mein Wildnisreiseführer empfiehlt und hier scheint sich wirklich ansonsten niemand hinverirrt haben. Bis auf einen Mann und einen Hund, beide sehr freundlich interessiert, taucht niemand an diesem Plätzchen auf, weder Mensch, noch „wildes“ Tier … na gut, außer ein paar Mücken vielleicht 🙂
Heute nacht soll es wieder Polarlichter geben, dieses Mal sind sie aber sehr viel weniger stark als beim ersten Mal, das bloße Auge erkennt sie kaum, aber auf dem Handy kommen sie ganz gut rüber.

Morgens spaziere ich dann noch etwas über einen Holzbohlenweg an einen recht reißenden Fluss, der Wanderparkplatz ist ja nicht ganz umsonst dort …

… und mache das perfekte Fliegenpilzfoto 🙂

Am Nachmittag fahre ich noch ein Stückchen weiter und lande, eher aus Versehen, auf einem Teilstück des Kungsleden, dem berühmten Fernwanderweg in Schweden. Das ist hier kein idyllischer Wanderweg mehr, sondern gleicht eher einer Wanderautobahn … so unfassbar viele Menschen … so oft wie hier habe ich im ganzen letzten Monat nicht „Hej“ gesagt …



Auf dem Rückweg Richtung Kiruna bin ich auf der Suche nach einem kleinen Wildcampingspots, davon gibt es hier aber irgendwie gar nicht so viel. Irgendwann kommt dann ein kleiner Rastplatz, sogar mit Toilette, mehreren Holzbänken und einer kleinen Schutzhütte direkt am Fluss … richtig schön, ganz kostenlos und ich hab alles für mich alleine, die großen Camper bleiben heute aus.

Kiruna selbst als Städtchen ist übrigens nicht besonders schön. Kiruna entstand als Siedlung für ein Eisenerzbergwerk und wird auch heute noch davon dominiert – bis 2040 muss die gesamte Stadt sogar verlegt werden, damit die Vorkommen auch unterhalb der Stadt abgebaut werden können – zwar nur um fünf Kilometer, aber trotzdem. Die Stadt ist also zu einem großen Teil Baustelle. Kurz überlege ich mir, das Eisenerzbergwerk zu besichtigen, entscheide mich dann aber dagegen – es klingt schon eher nach einer Werbeveranstaltung des Bergwerkunternehmens und ist dafür ganz schön teuer … liebe stecke ich das Geld in einen Ausflug 🙂 Von Kiruna fährt nämlich die „Malmbanan“ bis nach Narvik in Norwegen und passiert dabei einen großen und sehr schönen Teil Schwedisch-Lapplands. Ursprünglich wollte ich auf diese Weise mal von Narvik aus Kiruna besuchen, aber nun mache ich das wohl andersherum. In Narvik buche ich ein Hostel (in einer kleinen Seemannskirche) und für den Rückweg habe ich mir noch was ganz besonderes ausgedacht 😉
Auf nach Narvik! Zweimal täglich fährt der Zug die drei Stunden lange Strecke und durchquert dabei den wunderschönen Abisko Nationalpark sowie circa eine Stunde vor Narvik die schwedisch – norwegische Grenze. Hier wird es direkt wieder schroffer und kleine rote Häuschen verteilen sich wirklich sehr pittoresk auf den Bergen und um die kleinen Seen herum.
Der Zug ist richtiggehend leer, aber auch in einem Wagon mit nur acht Reisenden reicht es, wenn ein einziger Mensch die komplette Fahrt am telefonieren ist … (natürlich auf Deutsch). Aber dank geräuschdämpfenden Kopfhörern kann ich auch damit ganz gut umgehen 😉 und entspannt Landschaft gucken. Und schön ist die! Nur die Fensterscheiben sind ganz schön dreckig 😉 daher gibts hier nur ein Bild…

Auch Narvik ist, nun ja, gar nicht so besonders schön … liegt zwar am Meer, aber ist wohl eher ein Verkehrsknotenpunkt zwischen dem Süden und dem Norden Norwegens und den Lofoten. Ach, da will ich doch auch noch hin – aber mit Emma …
Ich war schon ewig nicht mehr im Hostel, aber das hier ist echt wieder ein guter Einstieg. Nicht besonders riesig und alles noch ein wenig im Entstehen, aber mit viel Liebe und Herzblut gemacht. Die kleine Seemannskirche dient auch nach wie vor noch als Kirche, nur kam jemand Cleveres wohl vor zwei Jahren auf die Idee, im Souterain ein paar Zimmer als Hostel herzurichten. Seitdem sind der Pfarrer und ein paar Helfer eifrig am bauen, ganz fertig ist es noch nicht, aber ich habe selten so massive (selbstgebaute) und bequeme Betten in einem so großen „Schlafsaal“ gesehen. Hier würden locker sechs Doppelstockbetten rein passen, es stehen aber nur vier drin, von denen wiederum nur sechs Betten anstatt acht „verkauft“ werden, damit es nicht so voll wird und man für Notfälle noch gewappnet ist… . Das erzählt uns alles der Pfarrer, nebenbei wischt er noch ein bisschen Staub im Zimmer und (wie auch immer wir auf dieses Thema gekommen sind) gibt uns noch einen ziemlich interessanten Einblick in die Beziehung zwischen Norwegen und der EU. Sehr spannend und sehr informativ!
Mittig in unserem Zimmer (wo ansonsten noch zwei Doppelstockbetten reingepasst hätten) stehen zwei große, sehr bequeme Sofas und da sitzen wir dann abends ganz gemütlich zu sechst und quatschen, ich glaube, in einem so „sozialen“ Schlafsaal war ich noch nie. Zwei von den Frauen sind hier die letzten 14 Tage auf dem Kungsleden gewandert und erzählen von dem fürchterlichen Wetter, was sie hatten … Regen und Stürme … so schlimm, das wirklich alle in die Hütten flüchten wollten … und ich denke ein bisschen an „mein“ Wetter zurück, die letzten 14 Tage und bis auf zwei Regenschauer war es immer trocken und meistens sogar sonnig … was hab ich für ein Glück dieses Jahr!!
Kurz vor zehn gehen alle langsam schlafen und kurz nach zehn ist es mucksmäuschenstill 🙂 Ein Traum …
Ausgeruht kann ich daher am nächsten Tag in mein kleines „Abenteuer“ starten: ich werde mit dem Bus (Zug ist grade nicht, wird wohl irgendwas gebaut) wieder bis an die norwegisch – schwedische Grenze zurückfahren und dann die verbleibenden 45 Kilometer bis zum Abisko Nationalpark auf einem Wanderweg (einem Bahnwanderweg) wandern – mit einer Übernachtung im Zelt mitten im Nirgendwo 😉 Das wollte ich schon immer mal machen, hab es aber bisher doch noch nie gewagt … wird schon schiefgehen, denke ich mir… los gehts 🙂